2. April 2020 hghoyer

Toxische Beziehungen – Woran merke ich, dass ich in einer toxischen Beziehung bin?

Im Mittelpunkt solcher Beziehungen stehen nicht Liebe und Vertrauen, sondern Unsicherheit, Macht; Manipulation und Abhängigkeit. Dadurch gibt die toxische Beziehung den Beteiligten nicht den gesuchten Halt, sondern führt ganz im Gegenteil sogar dazu, dass man seinen Halt und Stand im Leben verliert.
Aber beginnen wir von vorne.
Am Anfang steht das Verlieben, was in Beziehungen, die in ihrem Verlauf toxisch werden, meistens hochemotional und stärker ist als bei gesunden Beziehungen. Dieses Hochgefühl will man festhalten und gerät dadurch Schritt für Schritt in etwas hinein, das einen krankmachen kann.
Toxische Partner sind Meister der Manipulation, sie führen ihren anfangs gesunden Partner in eine regelrechte Liebessucht hinein. Die Werkzeuge dafür sind ein gut eingestellter Mix aus Distanz und Nähe, Vernachlässigen und Vergöttern, Selbstwertgefühl zerstören und neu aufbauen, schöner als je zuvor. Das alles ist emotionaler Missbrauch und führt dazu, dass der nicht toxische Partner es fast unmöglich findet, aus der Beziehung herauszukommen.
Der angesprochene Mix führt leider tatsächlich dazu, dass die Beziehung spannender und aufregender ist als eine gesunde, solide Beziehung. Je mehr Streit, umso öfter erlebt man wunderschöne Versöhnungen. Auch der Sex ist leidenschaftlicher, weil eben so viele Emotionen im Spiel sind. Unser Gehirn hat einen Selbstschutzmechanismus, dieser lässt uns schlechte Erlebnisse leichter verdrängen und vergessen und behält die schönen Erlebnisse stärker im Gedächtnis. Wer also einen Monat voller Streit und darauffolgenden Versöhnungen erlebt hat, dem werden die Versöhnungen viel präsenter sein als der Streit. Im Nachhinein können wir also sagen, dass unsere Beziehung eigentlich einen guten Monat hatte und der Sex sowieso ganz fantastisch war.
Das ist aber nicht der einzige Grund, warum es schwer ist, toxische Beziehungen zu erkennen und zu beenden. Während den schlechten Phasen der Beziehung, in denen man emotionale Schmerzen und emotionale Gewalt erfahren hat, erduldete man Dinge, für die man sich schämt. Man hat sich vom Partner vernachlässigen, beschimpfen, kleinmachen und demütigen lassen. Das gibt man ungern vor Freunden und Familie zu. Im Grunde will man es ja nicht mal vor sich selbst zugeben. Dadurch, dass man aber mit niemandem darüber spricht, isoliert man sich und bindet sich noch enger an den Partner. Schließlich ist er der Einzige, der alles miterlebt habt. Diese Geheimnisse verbinden. Menschen, die unerfüllte Sehnsüchte in sich tragen, sind anfälliger für toxische Partner. Wer beispielsweise eine unerfüllte Liebe zum Vater ertragen musste in seiner Kindheit, läuft Gefahr, sich in einen Mann zu verlieben, der sich extrem eng an einen bindet, das umgekehrt aber eben auch einfordert. Meist geht das mit übermäßiger Kontrolle einher. Der Mann ist eifersüchtig, kontrolliert alle Schritte der Partnerin und die Frau lässt es sich gefallen, weil sie es mit Fürsorge und Liebe verwechselt.
Auch Menschen, die nie echte Liebe erfahren haben, sind anfällig für die unechte Liebessucht. Sie neigen dazu, alle Schuld auf sich zu nehmen und das schlimme Verhalten ihres Partners zu entschuldigen, weil sie denken, sie hätten es ohnehin nicht besser verdient. Also ertragen sie geduldig all den emotionalen Missbrauch, nur um hin und wieder in den Genuss von Zuneigung und Aufmerksamkeit zu kommen.
Wenn Sie sich fragen, ob Sie vielleicht auch in einer toxischen Beziehung stecken oder bereits eine erlebt haben, dann helfen folgende Fragen, es herauszufinden:

1. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Sie nicht ausreichen? Egal, was Sie tun, es scheint nie genug zu sein für Ihren Partner?
2. Sagen Ihnen andere häufiger, dass Sie müde und ausgelaugt aussehen? Dass Sie Ihr Strahlen verloren haben?
3. Kommt es immer seltener vor, dass Ihr Partner sich aufrichtig bei Ihnen entschuldigt, sondern sogar eher Ihnen die Schuld gibt?
4. Entschuldigen Sie sich andererseits ständig für Kleinigkeiten, selbst wenn es nicht Ihre Schuld ist?
5. Unterbindet Ihr Partner den Kontakt zu Ihren Freunden und Ihrer Familie?
6. Maßregelt er bei Ihnen Verhaltensweisen, die er selbst an den Tag legt?

Wenn Sie vier oder mehr Fragen mit ja beantwortet haben, dann leben Sie höchstwahrscheinlich leider in einer toxischen Beziehung, in der emotionaler Missbrauch mit Ihnen getrieben wird. Ein weiteres Instrument, um zu überwachen, wie schlecht es um Ihre Beziehung steht, ist ein Stimmungstagebuch. Ganz wichtig hierbei ist, dass sie es täglich und vor allem ehrlich führen. Nehmen Sie sich jeden Abend eine Minute Zeit und tragen Sie einfach ein, ob Sie an diesem Tag Streit hatten, wie schlimm dieser war und ob Sie sich schon versöhnt haben. Tragen Sie, so ehrlich Sie sein können, auch ein, ob Sie sich an diesem Tag glücklich und geliebt gefühlt haben in Ihrer Beziehung. Am Ende des Monats gehen Sie die Liste durch. Ihre Erinnerung wird das Geschehene längst weichgezeichnet haben, aber nun halten Sie es Schwarz auf Weiß in der Hand. Und? Wie viele Tage ohne Streit gab es? Wie viele glückliche Tage gab es? Das Maß bestimmen Sie selbst. Genügt es Ihnen die Hälfte des Monats ohne emotionale Schmerzen zu leben? Reichen Ihnen drei Tage am Stück ohne emotionale Gewalt? Bleiben Sie ehrlich, Sie haben so viel mehr Glück verdient!

Wenn Sie zur Entscheidung gekommen sind, dass Sie in einer toxischen Beziehung leben, was können Sie dann tun? Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist, an der Beziehung zu arbeiten, sie auf eine gesunde Bahn zu lenken. Eine Paartherapie und Einzelstunden für den toxischen Partner können hier helfen.
Wieso sagen wir im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten? Weil es realistisch nur eine gibt – die Trennung. Eine toxische Beziehung zu beenden, ist wie der Entzug von einer harten Droge. Das klingt erschreckend, aber wer den Schritt schafft, wird ein Leben lang davon profitieren. Wie jede Sucht, die man hinter sich gelassen hat, macht einen der radikale Schnitt mit einer toxischen Beziehung, viel stärker und aufmerksamer. Wer sich bewusst trennt und den Schmerz erträgt, der Versuchung wieder zurückzukehren, widersteht, der wird gestärkt und mit neuem Selbstbewusstsein daraus hervorgehen. Deshalb ist unser Rat: Gehen Sie diesen einen Schritt, denn er wird Sie auf lange Sicht unzählige Schritte weiterbringen.

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