8. Juni 2020 hghoyer

Zitierter Text Aus einem Email-Newsletter von Dami Charf:

Das Trauma hat als Wesensmerkmal etwas Überwältigendes, auch wenn es vielleicht für andere Menschen in meiner Umgebung nicht überwältigend ist. Für mich hat es doch das Gefühl von Überwältigung und das ist hoch subjektiv. Also man kann nie sagen, dass ein Ereignis an sich traumatisierend ist. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die Ereignisse, weil sie sehr unterschiedliche Ressourcen und Fähigkeiten haben.

In den anderen Beiträgen habe ich schon erklärt, dass die Energie, die der Körper zur Bewältigung der Situation bereit gestellt hat, durch die Überwältigung und das daraus resultierende Erstarren im Körper und im Nervensystem fest hängt und nicht verarbeitet werden kann. Es fehlt dann das Signal, dass das Ereignis zu Ende ist. Und es ist diese hohe Energie, die zu den körperlichen und psychischen Symptomen führt, da der Körper nicht in den Normalzustand zurückfahren kann.

Durch eine Traumatisierung ist man dann die meiste Zeit außerhalb des „window of tolerance“, also entweder unterhalb der unteren Grenze (leer, sinnlos, kraftlos) oder über der oberen Grenze (übererregt, ständig in Bewegung). Auch das beschreibe ich in meinen früheren Beiträgen genauer. Deswegen gehe ich jetzt nicht mehr darauf ein.

Vergleich der Schocktraumatherapie und der Entwicklungstraumatherapie

Was häufig im Zusammenhang mit einer Traumatisierung verloren geht, ist die Körperwahrnehmung. Denn der Körper ist praktisch der Ort der Schmerzen und unangenehmen Gefühle. Deswegen möchte man auch nicht zur Ruhe kommen, weil, sobald man zur Ruhe kommt, die ganzen negativen Gefühle wieder hoch kommen.

Und Menschen sind schlaue Tiere, d.h. sie versuchen dem aus dem Weg zu gehen, indem sie einfach aktiv bleiben. In der Körperorientierten Traumatherapie nimmt man die Körperwahrnehmung als Schlüssel, um das Trauma verarbeiten zu können. Das bedeutet, dass man im Vorfeld erst mit den Menschen lernen muss, wie sie ihren Körper wieder fühlen können, ohne dabei Angst zu bekommen.

Der Unterschied zwischen einer Schocktrauma- und einer Entwicklungstraumaarbeit ist dann, dass man das „window of tolerance“ bei der Entwicklungstraumaarbeit größer machen will, sodass praktisch mehr Energie, mehr Stress, mehr Glück zwischen diesen beiden Grenzen Platz hat.

Bei einer Schocktraumaarbeit dagegen möchte ich oben und unten jeweils die Spitzen abtragen und abarbeiten, damit sie nicht mehr da sind. Aus meiner eigenen Erfahrung nützt das eine ohne das andere nichts. Denn es gibt selten Menschen, die nur ein Schocktrauma haben und bei denen sonst alles toll im Leben war. Die meisten haben ein sehr kleines „window of tolerance“ und sind deswegen auch sehr anfällig für andere Traumatisierungen.

Was für Sie wichtig ist zu wissen, ist, dass man in der körperorientierten Traumapsychotherapie immer versucht, innerhalb dieses Fensters zu arbeiten. Man möchte nicht, dass Menschen wieder in die Erinnerung zurück fallen, dass sie diese wieder erleben, sie wieder fühlen. Das ist sozusagen ein absolutes Tabu und sollt so gut wie möglich vermieden werden. D.h. man versucht den Menschen in einem Fenster zu halten, in dem es eben noch angenehm oder höchstens ein bisschen unangenehm ist. Aber damit der Körper dennoch in Erregung geht, diese braucht man nämlich für die Abreaktion, arbeitet man am oberen Ende des Fensters.

Schritte in der Traumabearbeitung

Die Schritte in der Traumabearbeitung sind eigentlich in vielen Traumatherapien gleich. Mir sind noch ein paar Dinge wichtig, die vielleicht bei den anderen nicht vorkommen.

Ressourcen

Der erste Schritt, der für alle gleich ist, ist die Stabilisierungsphase, die Arbeit mit Ressourcen. Dabei geht es darum, jemanden kennenzulernen und auch mitzubekommen, was zumutbar ist und was nicht. Bei der Arbeit mit Ressourcen geht es immer darum Ressourcen zu vermehren und nicht Ressourcen wegzunehmen.

Körperwahrnehmung

Dann muss es unbedingt darum gehen, die Körperwahrnehmung wieder zu erlernen, sich wieder mit dem eigenen Körper anfreunden zu können und wahrzunehmen, dass nicht alles dem Körper weh tut oder mit Angst besetzt ist.

Kontakt

Ein Schritt, der mir ganz besonders wichtig ist, ist dass Menschen wieder lernen Kontakt zuzulassen zum Körper. Denn manchmal, wenn wir aus dem Toleranzfenster fallen, brauchen wir Kontakt, um uns wieder beruhigen zu können. Wenn ich aber keinen Kontakt mit der Person herstellen darf, sie also nicht anfassen darf oder die Hand nehmen kann, weil das zu angstbesetzt ist, dann fehlen mir als Therapeutin unter Umständen die Möglichkeiten, jemanden wieder in das Toleranzfenster zu holen.

Grenzen

Der nächste Punkt ist das Wiederherstellen von Grenzen. Ein Trauma ist immer eine Verletzung von Grenzen. Wir wollen erreichen, dass die Menschen wieder sagen können, wenn sie etwas nicht wollen oder wenn sie etwas wollen, und dass sie sich verteidigen können. Sie sollen wieder spüren, was eine angemessene Nähe ist und was eine unangemessene Nähe ist. So soll die Angst vor Kontakt per se wieder abgelegt werden. Vielen geht es nämlich so, dass ihr Körper sofort starr wird, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.

Orientierung

Ein ganz wichtiger Faktor ist die Arbeit mit der Orientierung. Man möchte, dass Menschen sich wieder in der Welt orientieren können, was oft in seiner Wichtigkeit unterschätzt wird. Orientierung bedeutet letztendlich, dass ich mir bewusst bin, dass ich mehrere Möglichkeiten habe. Dass das, wie ich jetzt lebe oder das, was ich jetzt tue, nicht die einzige Möglichkeit ist. Und dafür hilft mir eben die Arbeit mit Orientierung. Bei einer traumatisierenden Überwältigung friert dieser Orientierungsreflex ein, der Nacken und die Schultermuskeln werden fest, was bei vielen Menschen zu chronischen Verspannungen führt. Und die möchte man wieder lösen.

Traumaexposition

Ein weiterer Schritt ist die sogenannte Traumaexposition. Dabei ist das Ziel, dass die festgehaltene Schockenergie wieder aus dem Körper kommt. Dabei ist ganz wichtig ist, dass wir nicht mit Gefühlen und Emotionen arbeiten. D.h. man bleibt rein auf der Körperebene, um nicht in die alten Gefühle zu kippen. Schließlich ist man ja froh, wenn man es einmal überlebt hat. Man will es nicht nochmal fühlen. Für den gesunden Menschenverstand ist das eigentlich ganz logisch, das heißt aber nicht, dass es das auch für Therapeuten ist. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass ich nicht nochmal fühlen möchte, wie genau es sich angefühlt hat, als jemand das und das mit mir gemacht hat, oder als ich den Unfall hatte, usw. Und das möchte man in der körperorientierten Traumatherapie eben auch nicht.

Integration

Der vorletzte Punkt ist die Integration und die Bearbeitung von Glaubenssystemen. Denn jede Traumatisierung bringt ein Glaubenssystem mit hervor. Es ändert sich für mich also die Sicht auf die Welt und plötzlich glaube ich z.B., dass die Welt gefährlich ist oder dass man Menschen nicht trauen kann. Es ist sehr wichtig, sich diese Systeme bewusst zu machen und sie wieder aufzulösen, damit man praktisch wieder den Zugang zu sich selbst, aber auch zu anderen, findet.

Emotionale Integration

Schließlich kommt noch die emotionale Integration dazu. Jetzt kann sie durchgeführt werden, weil die Emotion nicht mehr überwältigend sind. Es ist vielleicht noch traurig und das muss es auch sein, weil Trauer ein ganz wichtiger Abschnitt in der Traumatherapie bzw. in jeder Therapie ist. Dinge müssen betrauert werden, damit etwas Neues beginnen kann.

Leitfaden für die körperorientierte Traumatherapie

Folgender Leitfaden ergibt sich daraus für die körperorientierte Traumatherapie:

  • Es wird nicht mit Emotionen gearbeitet, sondern man achtet immer darauf, was im Körper passiert. Die Körperwahrnehmung ist von enormer Wichtigkeit, denn sie führt uns auch wieder zu mehr Lebensfreude.
  • Der Körper trägt alle wichtigen Informationen in sich, auch über Traumata, die uns nicht (mehr) bewusst sind.
  • „Weniger ist mehr“: Es werden immer nur kleine Schritte gemacht. Schnell neigt man dazu, die Klienten zu überfordern. Etwas zu begreifen ist nicht dasselbe wie etwas zu integrieren. Unsere Integrationsfähigkeit ist nur klein und wir können nur „kleine Happen“ verdauen.
  • Die Abreaktion muss in einem angenehmen Umfeld stattfinden. Die Menschen fangen dabei an zu zittern und zu zucken, aber ohne dass ihnen dabei kalt ist. Vielmehr soll ihnen dabei warm sein und es soll sich angenehm anfühlen. Auf diese Weise verarbeitet der Körper das Trauma und nicht der Kopf. Trotzdem nehmen auch die psychischen Symptome ab oder verschwinden ganz. Im Video sehen Sie ein Beispiel dafür, wie so eine Abreaktion ablaufen kann. Das Gute dabei ist, dass der Prozess der eigenen Kontrolle unterliegt und jederzeit unterbrochen werden kann.
  • Ein Trauma ist erst vollständig bearbeitet, wenn alle Reflexe wieder zur Verfügung stehen.

Ich hoffe, dass ich Ihnen damit ein bisschen weiterhelfen konnte. Auf diesen Seiten finden Sie noch mehr Artikel zum Thema körperorientierte Traumatherapie. Wenn Sie Interesse an der Gruppenarbeit und einer tiefen Auseinandersetzung mit frühen Traumatisierungen haben, können Sie auch gerne in unsere Gruppe Lebensprozesse kommen.

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